Die dunkelste Stunde

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Interview Kristin Scott Thomas

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Kristin Scott Thomas: «Ich wusste nicht, wie knapp wir der Katastrophe entkommen sind»

LONDON Ihr allererster Film über den zweiten Weltkrieg DER ENGLISCHE PATIENT erhielt ganze 9 Oscars. Kristin Scott Thomas spielt in DIE DUNKELSTE STUNDE bereits zum vierten Mal in einem Film über den zweiten Weltkrieg mit. Als Frau von Winston Churchill porträtiert sie erstmals eine echte Person von damals, basiert doch der Film auf wahren Begebenheiten. Mit kinowetter sprach Sie über ihre Rolle, die Erfahrungen und Co-Star Gary Oldman.

Kristin Thomas, Ihre Rolle Clementine Churchill ist wunderbar. Was wussten Sie schon von ihr und was haben Sie neues über Clementine gelernt? Die Erfahrung war grossartig. Mein Ausflug in ihre Welt war nur kurz, denn ich hatte nur wenig Zeit sie zu spielen. Ich war richtig niedergeschlagen, als ich sie am letzten Drehtag zurücklassen musste. Ich weiss noch so vieles mehr von diesem Charakter und es hatte absolut keinen Platz in diesem Film integriert zu werden. Ich habe Clementine Churchill zum ersten Mal gesehen, als Kind im Fernsehen an der Beerdigung von ihrem Mann. Oder zumindest so weit, wie ich mich erinnern kann. Diese elegante alte Dame stieg aus der Limousine und lief mit einer solchen Grazie die Treppe zur Kirche hoch, das prägte mich sofort. Das war das erste, das ich mir von ihr merkte, ihre Eleganz und je mehr ich über sie las, desto mehr lernte ich über sie.

Was faszinierte Sie am meisten an den Dingen, die Sie über Clementine lernten? Ich war wirklich an der ganzen Rolle interessiert. Denn ich wollte wissen, wie es ist diese Frau zu sein, die einen Mann mit dieser Verantwortung und Macht heiratete, gerade auch in den schweren Zeiten. Clementine war für mich also in jeder Hinsicht faszinierend. Wie kam sie emotional und häuslich mit dieser Situation zu recht? Wie konnte sie diesen Mann unterstützen, lieben, ermutigen und neben ihm stehen, während er alle Entscheidungen treffen musste? Wie bereits gesagt habe ich viel über sie gelesen. Dadurch entdeckte ich Clementine erst richtig und merkte sofort, dass sie ein sehr kompliziertes Leben führte. Ihre Mutter war eine geschiedene Frau, was im 19. Jahrhundert nicht akzeptabel war. Sie brachte ihre drei Kinder nach Dieppe in Nordfrankreich, wo sie dann durchs Spielen ihre Kinder aufzog. Dadurch ist Clementine in einer sehr bedenklichen Umgebung aufgewachsen. Sie wusste nie woher das Geld kommen würde und musste oft umziehen. Sie hasste das Spielen und das Arm sein.

Und dann kam Clementine nach London, richtig? Genau, als sie das erste Mal nach London kam, nähte sie ihre Kleider selbst. Das führte dazu, dass die Leute hinter ihrem Rücken über sie sprachen. Ihr Vater hat sie aus der Schule genommen, obwohl die Lehrer sagten Clementine sollte weiterlernen. Er war der Meinung Frauen bräuchten keine Bildung. Zudem war Clementine absolut clever, zumindest von dem was ich über sie und ihre Beziehungen zu anderen gelesen habe. Schliesslich musste sie irgendwie mithalten, damit sie sich auch unterhalten konnte. Vor allem aber, dass sie dann Winston Churchill gefiel und ihn unterstützen konnte. Daher hatte sie vermutlich eine unglaubliche Auffassungsgabe und lernte äusserst schnell, damit sie sich freier bewegen konnte ohne, dass es erschien als hätte sie Bildungslücken.

Ein der Botschaften im Film ist auch die grosse Liebe zwischen Winston und seiner Frau. Ich gehe davon aus, dass es auch im wahren Leben so war oder? Ja, ich denke schon. Sie hatten sicher eine stürmische Beziehung und einige Momente die kompliziert waren. Sie litten beide an Depressionen. Obwohl Winstons Depressionen gut dokumentiert sind, wissen wenige von Clementines Depressionen. Sie erhielt sogar Elektroschocks deswegen, als sie älter wurde. Sie ist unglaublich schüchtern und das sieht man auch in dem wenigen Filmmaterial, dass es über sie gibt. Man konnte richtig sehen, dass sie ganz nervös wurde, sobald sie vor Publikum sprechen musste. Aber sie war so voller Energie, dass sie etwas tun musste. Sie war definitiv an der Front mit dabei. Sie sorgte dafür, dass das rote Kreuz bekannt wurde und half Flüchtlingen und auch Müttern und Frauen, deren Männer im Krieg waren. Clementine Churchill war extrem aktiv während der Kriegszeiten. Aufgrund dieser aktiven Zeiten von ihr, wurde auch später immer noch von ihr gesprochen, obwohl der Krieg vorbei war.

In der französischen Geschichte wird Winston Churchill oft erwähnt, vor allem auch seine glorreiche Zeit. Es ist sicher spannend zu wissen, wie emotional sein… …Leben war, meinen Sie. Wie schwierig es ist, solche Entscheidungen zu treffen, dass Menschen Ströme haben, Fehler machen oder auch Zweifel haben. Irgendwann müssen wir darauf vertrauen, dass daraus das Gute entsteht. Die Geschichte von DIE DUNKELSTE STUNDE ist wirklich faszinierend. Und ich muss zugeben, ich wusste nicht wie knapp wir der Katastrophe effektiv entkommen sind. Oder wie Europa heute aussehen würde, wenn Churchill nicht mit diesem irrsinnigen Plan gekommen wäre, wie es im Krieg weitergehen und wie er sein Land schützen soll.

Lassen Sie uns über die Performance von Gary Oldmann als Winston Churchill sprechen. Er war absolut einzigartig und wurde komplett zu Churchill, finden Sie nicht? Ja, das war absolut beeindruckend. Seine Entschlossenheit und Hingabe sich in Churchill zu verwandeln hat es uns leichter gemacht, uns in unsere Rollen hinein zu begeben. Denn man hat gewisse Hemmungen eine solche Rolle anzunehmen, die eine lebende Person porträtiert. Diese Person hat Familie und Freunde, das bedeutet du musst es richtigmachen. Genau das macht es gleichzeitig zu einem Handicap, denn du kannst nichts erfinden oder dazu dichten, wie wir Schauspieler, das normalerweise machen. Und dann sind wir auch diejenigen, die die Rollen am besten kennen. Doch in diesem Fall wissen wir nur einen kleinen Teil von deren Leben. Man muss all das, was man gelernt hat annehmen und dann auch gleich wieder gehen lassen. Dank Gary war es dieses Mal einfacher, da er diese Rolle einfach so überzeugend spielte.

Dann hat Gary Oldman einen grossen Beitrag zur Gesamt-Performance des Films beigetragen? Klar, ich meine, er sass stundenlang im Make-Up nur um seine Maske an und wieder ab machen zu lassen. Er beklagte sich nicht, war im reinen und das ist ja nur der menschliche Aspekt von ihm. Seine Performance war wirklich absolut genial. Denn mit dieser Latex-Maske auf dem Gesicht kommen die Emotionen und die Mimik nicht immer gleich gut zur Geltung. Doch das Make-Up-Team hat das so genial hinbekommen, dass Gary eine grossartige Performance abliefern konnte.

Diese Rollen waren eher wie eigene Erfahrungen als wirklich eine Rolle… Ja, das kann man so sagen. Wir haben alle so viel investiert in diese Charaktere. Lily James würde vermutlich genau dasselbe sagen, wenn man sie darauf anspricht. Man muss einfach hineinspringen.

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