The Current War: Edison: Ein Leben voller Licht

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Interview Alfonso Gomez-Rejon

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Alfonso Gomez-Rejon: «Es war die dunkelste Zeit in meiner Karriere»

ZÜRICH Er machte einen Film über die Verbreitung des Stroms für Licht. Doch für ihn sah es düster aus, als der Film Premiere feierte. Warum, erzählt er in unserem Interview.

Alfonso Gomez-Rejon, an der Weltpremiere im Jahr 2017 sahen wir einen anderen Film als heute herauskommt. Können Sie den Grund dazu etwas genauer erklären? Ja, es war eine schwierige Zeit. Schliesslich steckt man sein ganzes Herzblut in einen solchen Film, der seine Form noch nicht gefunden hat und dennoch wird gedrängt, damit man ihn auf der Leinwand sehen kann. Es gab viele komplizierte und verschiedene Gründe dafür. Dann gab es eine Kritik dazu, heute sind es hunderte Kritiken und das führt zu schlechten Tweets und Kommentare, welche wie Klatsch und Tratsch weiterverbreitet wird. Das war wirklich schmerzvoll. Dadurch gab es eine Zeit, in welcher der Film einfach ruhte. Hinzu kommt, dass das ursprüngliche Filmstudio in Konkurs ging. Dies wiederum gab mir die Möglichkeit den Film mit frischen Augen zu betrachten. Ich konnte den Film, wie er eigentlich werden sollte, klarer sehen.

Gibt es einen grossen Unterschied zwischen der Version von damals und heute? Der grösste Unterschied ist…das ist schwierig. Ich versuche mich zu erinnern, denn eigentlich gibt es viele Dinge. Über die Version von früher denke ich nicht gerne nach, da sie mir nicht gefällt. Ein Unterschied ist sicherlich die Länge und der Rhythmus des Filmes. Es gab auch noch eine andere Filmmusik, da sie teils noch nicht aufs Bild angepasst wurde. Ausserdem wollte das Studio nicht, dass Edison so düster rüberkam. Präsentiert man aber zwei sich bekämpfende Protagonisten, die gleichermassen liebenswürdig sind, fällt die Spannung weg. Man neutralisiert damit den Film.

Deshalb haben sie Edison in der neuen Version also finsterer gestaltet? Es ist in Ordnung, Edison nicht zu mögen, wenn man seine Gedankengänge und Entscheidungen nachvollzieht. Oder wenn man akzeptiert, dass Ehrgeiz die Oberhand gewinnen würde. Es war in Ordnung, in die dunkle Seite zu gehen. Dies kreierte ein menschlicheres Porträt dieser beiden Männer mit allen ihren Schwächen. So wirkt das Ganze realistischer, lebhafter und humaner, ob man sie nun mag oder nicht. Man erkennt dadurch sich selbst in diesen Figuren wieder.

Welche Schwächen gab es in der ersten Version des Films Ihrer Meinung nach? Es gab Voice-over und ADR (Additional Dialogue Recording z. Dt. zusätzliche Dialogaufnahme), welche die technischen Aspekte von Elektrizität erklärte, doch oft zu detailliert. Was manchmal sehr langweilig wirkte. Ein Gleichgewicht musste hergestellt werden: Wie viel gibt man den Zuschauern, sodass sie der Geschichte geradeso folgen können, bevor es sich wie Hausaufgaben, kalt und distanziert, anfühlt? Es war ein Rohschnitt, der sein Rhythmus noch nicht gefunden hatte. Der zu viel Sentimentalität besass und die Ideen und Gefühle zu sehr ins Detail erklärte. Es war nicht meine Version des Films. Deshalb war es sehr schwer, diesen in der Öffentlichkeit als mein Werk kritisiert zu kriegen. Obgleich es mein Film ist, den ich zugleich als mein Vermächtnis hinterlassen hätte... Der Film handelt über Vermächtnisse, weshalb ich dieses Wort im Grosszügigen verwende.

Was nehmen Sie an Erfahrungen aus dieser Zeit mit? Es war eine sehr chaotische Zeit mit Unmengen an Druck und vielen Meinungen. Es war das erste Mal, dass ich mit einem grösseren Budget arbeiten durfte. Mit einem grossen Budget kommen ebenso mehr Meinungen. Mir ist es nicht gelungen, diese zu steuern. Glücklicherweise verschwanden sie, was mir die nötige Zeit gab, mein Filmmaterial zu überdenken. Ich konnte meine ursprünglichen Ideen wieder aufgreifen, die mich daran erinnerten, weshalb ich mich überhaupt in diese Geschichte verliebt hatte.

War es, durch die Tatsache, dass Sie damals auf eine Deadline hin arbeiten mussten, eine der stressigsten Zeiten in Ihrer Karriere als Regisseur? Ja, zu 100%. Es war die anstrengendste und dunkelste Zeit in meiner Karriere. Wenn man an einem Film arbeitet, erwartet man immer Schwierigkeiten. Man bekommt nie alles, was man möchte. Die Möglichkeit des Versagens besteht andauernd. Wird der Misserfolg einem jedoch aufgedrängt und nicht durch eigene Fehler hervorgerufen, ist es schwierig. Und ich habe schon oft Fehler gemacht. Man hört nie auf, über den Film nachzudenken. Tatsächlich wurde der Film nie veröffentlicht, sondern nur an einer Vorführung gezeigt. Das offenbart einmal mehr die Macht einer einzelnen Vorführung in einem Raum voller Kritiker und einem Publikum, welches sich auf den sozialen Medien äussert. Es ist beeindruckend, wie viel Schaden angerichtet werden kann, wenn man nicht bereit ist. Schlussendlich funktioniert die Welt einfach auf unterschiedliche Weisen. Es ist nicht mehr wie früher mit zehn Medien für eine Vorführung. Die heutige Welt ist anders, viel persönlicher und es entstehen auch persönliche Angriffe.

Woher nahmen Sie Ihre Motivation weiterzumachen? In mir loderte nach wie vor dieses Feuer weiterzumachen. Mein Traum war noch am Leben. Ich habe konstant den Film in meinem Kopf neu zusammengeschnitten. Schliesslich war er noch nicht öffentlich, also nicht fertig. Vielleicht bestand deshalb die Chance noch mein Filmmaterial eines Tages zurückzuerhalten. Sobald das Material dann tatsächlich wieder bei mir war, wurde es wieder einfacher. Ich konnte die Dinge erneut angehen, weil die Ideen klarer waren. Ich wollte wenigstens versuchen die beste Version daraus zu machen, um die Vorwürfe und Kritiken damit anzunehmen. So könnte ich dazu stehen, anstatt mich zu fühlen, als wäre es das Resultat meiner Verletzlichkeit und Überwältigung. Das stärkte mich vielmehr, denn was immer damit geschehen würde, es wäre dann meine Schuld. Das war richtig befreiend.

Jetzt sind Sie wieder auf Pressetour, dieses Mal mit Ihrer Version. Verspüren Sie dabei nun mehr Druck oder mehr Gelassenheit? Ich bin gar nie auf Tour gewesen mit der ersten Version. Wie gesagt, es war ein Festival, eine Vorführung. Absolut verrückt und doch definierte diese eine Vorführung bereits den ganzen Film. Es fühlt sich gut an über einen Film zu sprechen, den ich wirklich liebe. Dabei spreche ich nicht von meiner Arbeit, sondern von der Arbeit von allen. Die Performances der Schauspieler sind toll und auch die Crew hat immense Arbeit geleistet. Meiner Meinung nach haben wir etwas erschaffen, das interessant ist. Ob dies gut oder schlecht ist, liegt nicht an mir zu entscheiden.

Gab es von dieser Version bereits eine Vorführung? Ja, von dieser Version gab es bereits eine öffentliche Vorführung in Los Angeles. Das war beängstigend für mich. Dieser Prozess des endlich Loslassens war nicht einfach. Es war wie eine Reinigung für meine Seele. All die aufgestauten Gefühle wurden freigelassen und mein Körper sackte fast ein bisschen in sich zusammen. Ich weinte sogar, ich fragte mich richtig was los ist. Man hält so viel über solange in sich fest, weil man etwas durchstehen will, dass es ein Stückchen Freiheit ist, wenn man diese Dinge loslässt. Ich sehe nur die Fehler und das wird sich vermutlich nie ändern. Zumindest sind es nun alles meine Fehler. Es war wirklich eine überraschende Reaktion, die mein Körper hatte, als ich nach Hause fuhr. Es war traurig (lacht). Tatsächlich ist es wirklich emotional. Allerdings fühlte es sich sehr gut an über einen Film sprechen zu können, der mich stolz macht und einen schwierigen Weg hinter sich hat.

In Ihrer Filmografie finden sich die verschiedensten Genres wieder. Wie schaffen Sie es als Regisseur nicht in ein bestimmtes Genre gedrängt zu werden? Es stimmt, ich habe nach ICH UND EARL UND DAS MÄDCHEN VIELE Anfragen für Filme im selben Genre Young Adult erhalten. Ich hätte auch nicht nein gesagt, wenn es sich für mich richtig angefühlt hätte. Ich dachte auch nie, dass ich jemals einen Film über Elektrizität machen werde. Es war einfach nicht mein Thema (lacht). Den Mann und die Themen jedoch gefielen mir sehr gut. Aufgrund der Themen bin ich auch am Film hängengeblieben. Erst danach überlegte ich mir vielleicht könnte ich einen Perioden-Film mehr wie ein Rock’n’Roll-Musical machen. Oder ein Biopic aufbrechen und schauen, was man daraus machen kann.

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