ES Kapitel 2

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Horror
Die zweite Hälfte vom weltberühmten Stephen King Roman ES galt schon immer als die schwerer verfilmbare. Das liegt vor allem daran, dass jedes Mitglied des Klubs der Verlierer inzwischen sein halbes Leben gelebt hat und ganz woanders steht als noch im ersten Teil der Geschichte, wo alle um die 13 und damit noch pubertierende Teenager waren. Jede Figur geht anders mit den verheerenden Geschehnissen und übersinnlichen Konfrontationen von damals um, aber selbst eine Spielfilmlänge von rund 169 Minuten erweist sich immer noch als zu wenig, um den teilweise sehr kaputten Alltag eines jeden Überlebenden aus der Clique ausführlich zu beleuchten. Stattdessen wird das Erwachsenenleben von Bill und Co. nur kurz angeteasert, aber nicht wirklich vertieft. So wird beispielsweise die Tatsache ignoriert, dass keiner von ihnen jemals Kinder hatte. Die Angst, dass auch diese von Pennywise heimgesucht werden könnten, war schlichtweg zu gross und ein permanenter, wenn auch unerwünschter Begleiter. Dieser Punkt wurde allerdings nur im (zugegeben sehr langen) Roman aufgegriffen und wird in der Neuverfilmung links liegen gelassen.

Es wäre sicherlich von Vorteil gewesen, den Streifen um einige Grusel- und Schockszenen zu erleichtern und die dadurch gewonnene Zeit in die Charakterentwicklung zu investieren. Zugang zum "neuen" Klub der Verlierer zu finden und in ihnen die Kids von damals zu sehen, stellt sich zunächst tatsächlich als etwas schwierig heraus. Wobei man die Aussage von Regisseur Andy Muschietti, dass er viel mehr Szenen gedreht hat als es letztlich in den Film geschafft haben, nicht vergessen sollte. Deshalb wird es auf DVD und Blu-ray aller Voraussicht nach einen immensen Director's Cut geben, für den er zusätzliches Material inszenieren will. Der sogenannte Supercut würde es auf sage und schreibe 6,5 Stunden bringen - das wären über 90 Minuten mehr als beide bisherigen Kinofassungen zusammen. Ob diese die fehlenden Charaktermomente liefern würden?

Nichtsdestotrotz bemüht sich Muschietti, seine Figuren dem Zuschauer näher zu bringen. Hierfür setzt er vor allem auch auf nostalgische Momente - wie etwa eine Szene, in der Bill sein altes Fahrrad entdeckt und damit quer durch Derry reist, während er sich an seine gemeinsame Zeit mit Beverly erinnert - und zwar an die gute. Erinnerungen werden in ES KAPITEL 2 generell grossgeschrieben. Manche Dinge haben die Verlierer über die Jahre vergessen oder verdrängt - vor allem die positiven Tage scheinen verschwunden zu sein, da diese von der Tortur und dem Terror überschattet werden, der ihnen widerfahren ist - doch selbst von solchen Erfahrungn ist nicht mehr alles haften geblieben. Um Erinnerungen zurückzubringen und dem Zuschauer diese in bewegten Bildern zu zeigen, durfte der Kindercast noch einmal ran - eine grosse Stärke des Films, wie sich bereits nach wenigen Szenen herauskristallisiert. Die Rückblenden wirken niemals deplatziert oder störend sondern dienen einzig und allein dazu, um neue Erkenntnisse über die jeweilige Figur ans Tageslicht zu führen. Solche, die immer noch einen grossen Einfluss auf ihr aktuelles Leben haben und von denen Bösewicht Pennywise natürlich sofort Gebrauch macht. Um sich an den Verlierern zu rächen, muss er schliesslich neue Ängste in ihnen finden, mit denen er sie wieder in Angst und Panik versetzen kann.

Der Clown wird einmal mehr von Bill Skarsgård verkörpert. Seine Auftritte sind dezent eingesetzt, weswegen jeder Rampenlichtmoment wirksam ins Schwarze trifft. Von seiner Boshaftigkeit, seinem makaberen Humor und seiner unheimlichen Fantasie hat das pure Böse nichts verloren, was nahezu jede Szene mit Pennywise zu einem haftenden Highlight macht. Trotzdem hätten es hier und da etwas weniger "Spielereien" sein dürfen, da diese viel Zeit verschlingen, die man anders hätte nutzen können. Dadurch bleibt ES KAPITEL 2 zwar konstant unterhaltsam (was bei einer für Horrorfilme ungewöhnlich langen Spielfilmlänge eine grosse Leistung darstellt), doch nicht alle Grusel- und Schockszenen bringen die Handlung voran. So wird beispielsweise die Rückkehr von Mobber Henry Bowers völlig verschenkt, weil diese sehr oberflächlich abgehandelt wird und seine Handlungen nur zum Schocken da sind. Für die Geschichte selbst sind sie völlig irrelevant. Doch auch hier kann man sich als Fan und Zuschauer nur die Frage stellen, was Andy Muschietti noch so an Archivmaterial in petto hat.

Beeindruckend und geradezu einmalig ist die Optik des Films. Wurde der Vorgänger noch mit einem risikolosen Budget von 35 Millionen Dollar umgesetzt, stand dieses Mal sehr viel mehr Geld zur Verfügung. Dass dem so ist, war insbesondere deshalb wichtig, weil gerade die letzten Kapitel in der Romanvorlage Grosses voraussetzen. Der finale Akt im Film wirkt wie aus einem Sommerblockbuster - nur mit dem Unterschied, dass hier keine Häuser einstürzen oder Autos in die Luft fliegen. Die in ES KAPITEL 2 gezeigten Bilder leben nämlich von literweise Kunstblut, verstörenden Ereignissen und unheimlichen Kreaturerscheinungen inmitten von detailliert aufgebauten Sets. Dass ES weltweit über 700 Millionen Dollar einspielen würde, war vor dem Kinostart im Jahr 2017 undenkbar. Horrorfilme hatten zwar schon immer ihr Publikum und fungierten als Sprungbrett für Filmemacher wie Roman Polanski oder Wes Craven, doch die ganz breite Masse konnten sie nur in den seltensten Fällen erreichen. ES konnte allerdings beweisen, dass auch Genrefilme in Regionen eines STAR WARS oder INDIANA JONES vordringen können. Daher haben die Verantwortlichen im Hause Warner Bros. beim zweiten Teil keine Kosten gescheut, weswegen Genrefans hier der erste Big Budget Horrorfilm erwartet, den man sich so bislang nur vorstellen konnte.

Unsere Prognose lautet: Wer sich wieder einmal so richtig gruseln lassen und Pennywise erneut als kinderfressendes Übel in Action sehen will, sollte diesen Showdown auf keinen Fall verpassen. Der Horroranteil wird mal wieder an den Nerven zerren, während ein paar dazwischengeschobene Gags eine winzige Verschnaufpause erlauben und das Kernthema Bewältigen von Ängsten für den tiefgründigen Feinschliff sorgt. Bühne frei für das zweite (und womöglich noch nicht letzte) Kapitel von ES! [Carmine Carpenito]

© kinowetter.com 5.9.2019