High & Low - John Galliano

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Documentary

Interview: Philipp Portmann

Kevin Macdonald: «John Galliano wird in der Gesellschaft immer noch nicht respektiert»

HIGH & LOW - JOHN GALLIANO ist eine Dokumentation über den titelgebenden Modedesigner, die sich mit Cancel Culture befasst und von Regisseur Kevin Macdonald inszeniert wurde. Wir haben den Filmemacher im Rahmen vom Zurich Film Festival persönlich zum Interview getroffen.

Durch den Film Dinge über John Galliano erfahren, die mir gar nie bewusst waren - ging es Ihnen genauso, als Sie den Film vorbereitet haben? Ja. Der Film wurde an mich herangetreten, weil ich nach einem Projekt gesucht habe, das sich im Kern mit Cancel Culture, Vergebung oder zu wenig Vergebung beschäftigt. All das im Hinblick auf Stars und Sternchen, die Sachen sagen, die verkehrt sind. Jemand schlug mir dann John Galliano vor. Gut daran ist, dass es um die Vergangenheit geht - das alles ist schliesslich zehn Jahre her. Es geht also nicht darum, was gegenwärtig passiert. Diese Kontroverse können wir vermeiden. Ich hatte keine Ahnung von Mode und es dauerte sehr lange, das geniehafte zu verstehen, was er tat. Als ich den Film schliesslich Stück für Stück zusammenfügte, wurde mir immer klarer, was für ein Genie er wirklich ist. Er ist sehr bemerkenswert und darf als echter Künstler beschrieben werden. Es gibt ja viele Gespräche darüber, ob Mode wirklich Kunst oder doch nur Fleiss ist. Bei ihm handelt es sich aber zweifelsohne um einen Künstler, da er mit seiner Arbeit seine Gefühle zum Ausdruck bringt. Seine Biografie und Arbeit sind quasi miteinander verwoben. Er ist auch sehr obsessiv - er lebt für die Arbeit. Es gibt nicht viel anderes, was ihn kümmert.

Was über ihn hat Sie am meisten überrascht? Was mich überrascht hat, waren zwei Dinge; die grossen Shows, die er auf die Beine gestellt hat und ihm einiges abverlangt haben. Im Film wird erwähnt, dass er im Jahr 32 Shows durchgezogen hat, was sich völlig unmöglich anhört und andere vermutlich in den Wahnsinn getrieben hätte. Ich war aber auch überrascht davon, was für ein liebenswerter und freundlicher Typ er ist. Mir war die Kontroverse um seine Person natürlich bekannt und wir haben auch darüber geredet. Auf persönlicher Ebene habe ich ihnen mehr liebengelernt als ich gedacht hätte.

Der Druck in der Modewelt ist in der Tat sehr gross. Genau. In diesem Film sieht man auch, wie der individuelle Künstler und der Konzern aneinandergeraten. Im Grunde will ein Konzern dem Künstler einfach nur alles wegnehmen. Was das menschlich kostet, spielt keine Rolle für sie. Was mich an der Modewelt fasziniert, ist die Tatsache, dass sie von kreativen Individuen lebt. Es gibt kaum eine andere Branche, die so aufgebaut ist. In anderen Gebieten sind nur wenige kreative Leute involviert.

Glauben Sie, die Branche wird von innen mittlerweile mit anderen Augen betrachtet? Ja, denke schon. Wie Sie vielleicht noch wissen, beging Fashion-Designer Alexander McQueen Suizid. Seit dieser Zeit wird versucht, Designer nicht mehr so stark unter Druck zu setzen und das Unmögliche von ihnen zu erwarten. Es gab da mal diesen Artikel, der genau von dieser Ära handelte. Der Titel lautete: 'Die hässliche Seite eines Geschäfts'. Als Filmemacher fasziniert mich die düstere Seite, die vom Glücklichen und Schönen verschleiert werden. Mich interessiert, was sich unterhalb der Oberfläche befindet.

Aus welchem Grund haben Sie sich für dieses Projekt entschieden? Meine Motivation war es, ein Portrait einer komplexen Figur zu erschaffen. Und ich war sehr an John Galliano interessiert. Es ging mir nicht darum, etwas Spezifisches über Cancel Culture oder Antisemitismus zu erzählen. Das sind zwar wichtige Themen, die im Film präsent sind und von denen ich mir wünsche dass das Kinopublikum darüber redet und diskutiert, aber mir ging es viel mehr um die Komplexität von Menschen. In diesem Film stellt sich die Frage, ob John Galliano die Wahrheit erzählt und ob er sich wirklich nicht daran erinnert, was vonstatten ging. Im Film wird sie nie so recht beantwortet, weil das gar nicht möglich ist. Schliesslich geht es hier um das Mysterium Menschsein. Aber das war so das Hauptargument für mich. Der Bonus war, mich näher mit der Arbeit eines unglaublichen Künstlers befassen zu dürfen. Ich will dem Zuschauer zeigen, was für ein unfassbares Talent er ist.

Es war spannend zu sehen, wie alles anfing und wie sich bis zur Gegenwart alles entwickelt hat. Bei Dokumentationen ist das oft der Fall. Viele Leute haben das Gefühl, alles über ihn und seine Arbeit zu wissen. Aber man lernt ihn erst so richtig kennen, wenn man am Anfang ansetzt und die einzelnen Puzzleteile nacheinander alle zusammensetzt. Man schätzt seine Kunst dann auf tiefgründige Art und Weise. Man versteht das Genie hinter der Arbeit.

Wie war seine Reaktion, als Sie sich bei John Galliano gemeldet haben? Nun, eigentlich war er derjenige, der daran interessiert war, in einen Film involviert zu sein. Er war sich nur nicht sicher, wann genau das der Fall sein soll. Jeder lebende Star, über den ein Film gemacht wird, verfügt über eine eigene Agenda. Schliesslich will jeder etwas davon und in seinem Fall war klar, was er wollte; verstanden werden und Erlösung. Als ich an Bord kam und ihn anrief, habe ich ihm gesagt, dass ich beim Film das letzte Wort haben muss. Es geht zwar um ihn, aber es ist mein Film. Also ging es für ihn darum, herauszufinden, ob er mir trauen kann, ich ihn richtig und nicht komplett unsympathisch darstelle. Wir haben uns dann ein paar Mal getroffen und haben uns sehr gut verstanden. Ich habe keine Ahnung über Fashion, aber genau das war interessant für ihn - dass ich quasi als Aussenstehender ins Business hineinsehe. Aber so läuft das bei Dokumentationen - man stürzt sich in eine Welt, über die man so gut wie gar nichts weiss. Genau dadurch lernt man und fängt an, gewisse Dinge mehr zu schätzen. Ich habe inzwischen so vieles über Fashion gelernt. Ich hatte das Vorurteil, Fashion als puren Nonsense zu beschimpfen, wie viele andere auch. Ich habe nun allerdings gelernt, das ganze mehr zu schätzen. Wir haben etwa ein Jahr miteinander geredet, bevor er damit einverstanden war, dass wir den Film gemeinsam machen.

Dieses Interview, das im Film vorkommt - wurde das in seinem gegenwärtigen zu Hause geführt? Es gibt zwei verschiedene Interviews, die geführt wurden. Eines habe ich ganz am Anfang gemacht, das war aber eigentlich nur ein Testversuch, bei dem rund zwei Tage lang gedreht wurde. Das Interview wurde damals an einem Ferienort geführt, den er jedes Jahr für ein paar Wochen mietet. Er befindet sich in der Nähe von Saint-Tropez. Dort haben wir jeweils gedreht, wenn er Urlaub hatte und nicht gestresst war. Da habe ich dann festgestellt, dass die Zusammenarbeit mit ihm gut funktioniert, also habe ich mich um das Budget für den Film gekümmert. Als die Finanzierung gesichert war, haben wir das andere Interview in seinem zu Hause geführt, das rund eine Stunde von Paris entfernt ist. Ich bin etwa fünf oder sechs Mal dorthin gereist.

Arbeitet John Galliano denn noch oder hat er sich zurückgezogen? Nein, er arbeitet noch, aber vorwiegend mit kleineren Unternehmen und weniger gestresst. Das Problem, das er einst hatte, war, dass er mal ein Workaholic war. Alles drehte sich um die Arbeit. Nun beinhaltet sein Leben einen besseren Rhythmus, da er an den Wochenenden vereist und im Grunde ein ruhiges Leben lebt. Ich glaube, er wird in der Gesellschaft Frankreichs immer noch nicht so ganz respektiert. Daher verbringt er viel Zeit mit sich selbst und trifft sich nur mit wenig Leuten. Er ist sehr nervös und gespannt darauf, welche Reaktion er auf den Film erhält.

Was soll denn der Zuschauer aus dem Kino mitnehmen? Ich hoffe, dass sie der Film dazu animiert, über John Galliano zu sprechen, diskutieren und argumentieren. Dieses Projekt lädt aber auch dazu ein. Meine bisherige Erfahrung war, dass die Leute nach der Sichtung viele Fragen haben und mehr über seine Gefühls- und Arbeitswelt wissen wollen. Ich mag solche Filme, wo man nicht eingeredet bekommt, was man denken soll, aber dem Publikum die Möglichkeit dazu geben, unterschiedliche Meinungen zu haben und darüber zu sprechen.

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