LONDON In «Mr. Holmes» arbeiten Regisseur Bill Condon und Schauspieler Ian McKellen einmal mehr zusammen. Im Interview mit kinowetter spricht er über Vergänglichkeit und was diesen Sherlock Holmes Film so besonders macht.
Wir haben Sherlock Holmes bereits in allen möglichen Variationen gesehen. Ist diese Version von ihm der natürliche nächste Schritt? Ja, es ist interessant, weil er in Rente ist. Es ist eine Geschichte, die so noch nicht erzählt wurde. Er ist diesmal keine fiktive Person sondern echt. Einiges, das über ihn erzählt wurde stimmt und anderes wiederum nicht. Es war faszinierend, diese Zeit unter die Lupe zu nehmen. Er hat sich zur Ruhe gesetzt und kümmert sich um seine Bienen. Da setzen wir an, aber seine geistigen Fähigkeiten sind nicht mehr dieselben. Die Frustration, die besonders eine Figur wie Mr. Holmes beim Verlust seines Scharfsinns spürt, ist etwas sehr Interessantes, womit wir in diesem Film spielen können.
Der Film versucht ja auch dem Mysterium von Holmes auf die Spur zu kommen. Ja, das stimmt. Darum geht es auch bei seinem letzten Fall. Er versucht sich daran zu erinnern, weshalb er sich zur Ruhe gesetzt hat. Was es war, das ihn bei seinem letzten Fall so sehr in die Flucht geschlagen hat. Weg von seinem Leben und weg vom Fälle lösen. Er versucht die Teile langsam zusammenzusetzten und realisiert, dass etwas Essentielles bei diesem Fall passiert ist, das dazu geführt, dass er die Art und Weise, wie er sein Leben verbracht hat, komplett in Frage stellen liess.
Sie haben bereits in der Vergangenheit mit Laura Linney und Ian McKellen zusammengearbeitet. Hat es sich wie eine Familienzusammenkunft angefühlt? Oh, das hat es. Es war wirklich wundervoll. Wir haben alles in London gedreht, ausser die zwei Wochen, die wir in Rye verbrachten und das war auch die schönste Zeit. Ian und Laura kennen einander seit Jahren und Milo Parker ist ein neues Familienmitglied. Wir machten sogar Ausflüge nach Brighton am Wochenende. Wir waren in der Nähe vom Ort wo Ian lebt und so hat es sich wie ein Home Movie angefühlt. Es war das angenehmste Set, auf dem ich je war.
Die Englische Landschaft sah so schön aus. Oh, ich weiss. Wir waren Glückspilze. Ich habe auch schon in England gearbeitet, aber noch nie einen ganzen Film in London gedreht. Alle haben mich gewarnt und gesagt, dass ich es nicht schaffen werde, meinen Zeitplan einzuhalten, weil es die ganze Zeit regnen würde. Was aber nie passiert ist. Wir hatten den schönsten Sommer.
Hatten Benedict Cumberbatch und Robert Downey Jr. je irgendwelche Auseinandersetzungen mit Ian, weil er diese Rolle annehmen würde? Ich glaube kaum. Dieses Projekt ist so anders als das, was sie machen. Es ist interessant, weil es ein paar Jahre dauerte, bis dieses Projekt in die Gänge kam und gerade zu dieser Zeit hatten wir das Gefühl, dass es vielleicht zu viele Sherlock Holmes‘es gab. Nun wurde aber seit mehreren Jahren keine neue Version mehr von Sherlock vorgestellt. Auch weil Sherlock in diesem Film alt und keine fiktive Figur ist, hatte Ian das Gefühl, dass es im Vergleich zu den anderen Sachen anders genug ist, so dass er sich nicht hätte einschüchtern lassen müssen.
Benedict und Prothetik passt nicht gerade zusammen. Es gibt eine Szene, in welcher Sherlock ins Kino geht und sich selber in einem Film porträtiert sieht und natürlich sah ich mich dazu versucht, Benedict anzurufen und zu fragen: „Würdest du das für einen Tag machen?“ Aber es hätte sich zu sehr wie ein Insiderwitz angefühlt. Wir fanden einen wunderbaren Schauspieler, Nicholas Rowe, der Sherlock Holmes in „Young Sherlock Holmes“ vor über 20 Jahren gespielt hat. Er hat das so toll gemacht und genau diesen 40-Jahre Stil der alten Universal Filme eingefangen.
Was bedeutet es Ihnen, so eine Ikone zum Leben zu erwecken? Ich habe ihn als Kind geliebt und alle Geschichten gelesen. Ausserdem habe ich keinen der Filme verpasst. Ich bin jedoch kein Holmes Fanatiker, wie ich während den Dreharbeiten herausfand, weil ich von eigentlichen Fanatikern umgeben war. Oh Gott, ich wusste all diese Dinge nicht. Die Besonderheit des Filmes lag für mich darin, dass sich die Figur in diesem verletzlichen Zustand befindet. Und auch darin, dass Ian McKellen im letzten Film den wir zusammen gedreht haben, James Whale spielte, der am Ende seines Lebens stand. Es war interessant, ihn wiederzutreffen, nach 20 Jahren, jetzt, wo wir beide dem vielleicht Tod ein wenig näher stehen (hoffentlich geht das noch eine Weile) und dieselben Themen zu erforschen. Einfach aus einer anderen Perspektive.
Was soll der Zuschauer aus diesem Film mitnehmen? Ich hoffe, dass sie eine tolle Sherlock Holmes Erfahrung machen, weil es ein tolles Mysterium zu ergründen gibt. Ich hoffe aber auch, dass sie einen etwas neuen Aspekt von Sherlock Holmes entdecken und mit nach Hause nehmen. Er ist so ein vielfältiger Charakter. Es fühlt sich an, als ob jeder Film und jede Fernsehshow ein kleines bisschen mehr von ihm enthüllt hat. Hoffentlich, konnten wir da etwas beifügen.