Joker

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Psychodrama
Keiner lacht mit ihm

Von lachhafter Tragik zur wahnwitzigen Komödie, so kommt dem neuen Joker sein Leben jedenfalls vor. Ein böswilliger Überfall hier, ein hinterhältiger Verrat dort, und dazwischen ganz viel gesellschaftliche Nachlässigkeit. Der scheinbar hilflose, medikamentenabhängige Arthur Fleck wünscht sich nichts sehnlicher, als Anderen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Doch sein Traum, Stand-up Comedian zu werden, zerplatzt, als sein Idol ihn auf seiner Talk-Show öffentlich zur Lachnummer macht. Nicht einmal seine kranke Mutter, um die er sich so liebevoll kümmert, findet ihn besonders witzig („Don’t you have to be funny to be a comedi-an?“). Wie es ausgeht, glauben wir alle zu wissen.

Grenzen verwischende Superschurken-Verfilmung

Goldener-Löwe-Gewinner JOKER fühlt sich als bahnbrechender Superhelden-Psychothriller jedoch nicht wie eine übliche Comic-Verfilmung an. Regisseur Todd Philipps schafft es näm-lich, aus der üblichen CGI-behafteten DC-Komfortzone auszubrechen. Ohne glorreiche Spe-zialeffekte wirkt das Batman-Universum gefährlich nahe, fast schon heimelig. Beinahe ver-gisst man, dass man sich überhaupt inmitten von Gotham City befindet, wäre das urbane New York Filmset nicht so dreckig präsent. Absolutes Chaos, Kriminalität und sinnlose Gewalt umringen die trostlosen, schmutzigen Strassen der fiktiven Grossstadt und erinnern so an Scorseses Hexenkessel.

Oscarwürdige Darstellung von Joaquin Phoenix

Hexenartig offenbart sich auch Phoenix' Verwandlung in den berüchtigten Mörderclown. Eine einzigartige Performance, die Joker-Legende Heath Ledger mit Stolz erfüllen würde. Die Hommage an den verstorbenen Freund findet sich gewitzelt in Gothams Treppenstufen wie-der und erinnert an Ledgers ikonischer Gesangseinlage von „I Can’t Take My Eyes Off Of You“ im Highschool-Drama 10 THINGS I HATE ABOUT YOU. Tatsächlich kann und will man den Blick diesmal nicht von Phoenix wenden. Der HER Schauspieler mit puertorikanischen Wurzeln hungert sich für die Joker-Rolle wörtlich um den Verstand und verleiht dem beinzitternden Arthur auf diese Weise einen abschreckend dürren Look. Phoenix' bemitleidenswerte und zugleich verächtliche Version von Happy äussert sich als höchst unangenehm zuzusehen, und doch macht sie wunschlos glücklich. Denn es gelingt dem Verwandlungskünstler gekonnt, Arthus Unwohlsein durch unterdrückte hyänenhafte Lachanfälle zum Ausdruck zu bringen, um diese in der nächsten Sekunde fliessend in die arrogante, selbstbewusste Körpersprache des bösen Clowns zu transformieren. Doch so talentiert Phoenix die Kult-Comicfigur zum Leben erweckt, so abrupt und fast zu spät zeigt sich Arthurs wunderbar komische Verwandlung erst im dritten Akt. JOKER hinterlässt so ein nostalgischer Schrei nach mehr vom unberechenbaren, tänzelnden Clown.

Doch darf man mit dem Anti-Helden mitfiebern?

So sehr JOKER Dank Phoenix' oscarwürdige Performance gelobt wird, so muss der Film auch mindestens genauso viel Kritik einstecken. Auch wenn der Clown von sich selbst be-hauptet, nicht politisch zu sein, der Umgang mit mentalen Krankheiten wird durch und durch thematisiert, für einige fast schon glorifiziert. “The worst part of having a mental illness is people expect you to behave as if you don’t”, kribbelt der Clown in sein Notizbuch. Ein erdrü-ckender Gedanke, den sicherlich viele nachvollziehen werden können. Nun steht ein verletz-licher Schurke auf der Leinwand, mit dem man zumindest zu Beginn mitfühlen wird. Philipps' JOKER erscheint dadurch peinlich und bedrohlich echt. Wir alle kennen einen Joker. Einige von uns sind vielleicht sogar ein bisschen Joker. Mitleid erfährt allerdings Keiner für die Co-mic-Figur so sehr wie Arthur selbst. Ein mieser Schicksalsschlag nach dem anderen „zwingt“ das arme Opfer zu grausamen Taten. Spätestens an dieser Stelle sollte das Verständnis beim Zuschauer aufhören und das Kopfschütteln ansetzen. Wo aber die Grenze zwischen Charak-terstudie und gesellschaftlichem Kommentar, zwischen Empathie und Ekel, gezogen wird, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Prognose

Würde man Batman nicht schon vorher kennen, könnte dieser Joker für sich selbst stehen. Die Verbindung zu Bruce Wayne wird nur ansatzweise angedeutet und bleibt verschwom-men, weil sich Arthur als unzuverlässiger Erzähler erweist. Sein Delirium eröffnet Türen für freie Interpretation, weshalb JOKER dermassen umstritten wird. Doch wie kontrovers JOKER auch sein mag, es irritiert auf jeden Fall zu dringenden Diskussionen und betont die Wichtigkeit der Empathie gegenüber unseren Mitmenschen. [Ana von Halle]

© kinowetter.com 15.10.2019

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