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Interview Emerald Fennell, Carey Mulligan

Interview: Joanna Ezzat

Carey Mulligan: «Ich habe diese Frau nie zu 100% verstanden»

Sie gibt in PROMISING YOUNG WOMAN den Rachengel Cassie. In unserem Interview sprechen Carey Mulligan und Regisseurin Emerald Fennell über die Ergründung ihrer Filmfigur und wie wenig das Werk mit der MeToo-Bewegung zu tun hat.

Der Film ist eine Art Rache-Thriller. Können Sie mir mehr darüber erzählen? Emerald Fennell: Klar, gerne. Alle guten Rache-Filme müssen aus meiner Sicht die Möglichkeit für Erlösung haben, sowohl für den Protagonist als auch für die Menschen an denen Rache geübt wird. Für mich ist Cassies Reise, die eines Racheengels. Sie geht zu den Menschen und gibt ihnen zwei Optionen. Eine ist eine Entschuldigung und Erlösung. Die andere ist keine Entschuldigung und Bestrafung. Das ist eine sehr alte und interessante Dynamik fürs Geschichte erzählen. Allerdings ist es sehr wichtig zusagen, gerade in so einem Film, dass ein grosser Teil der Schwierigkeit für uns Menschen das Zugeben und Entschuldigen von Fehlern ist.

Ihr Charakter Cassandra ist ein sehr komplexer Charakter. Wie viel Spass machte es Ihnen den Charakter kennen zu lernen und zu entdecken? Carey Mulligan: Ich habe sehr viel mit Emerald Fennell zusammengearbeitet. Ich versuche mir immer Charaktere zu suchen, bei welchen ich nicht weiss wie umsetzen. Das ist für mich vermutlich das Spannendste. Ich lese oft Skripts und wenn ich auf Anhieb sagen kann, dass ich nicht weiss, wie ich den Charakter spielen soll, dann will ich diese Rolle unbedingt haben. Bei diesem Projekt waren Emerald und ich konstant im Gespräch über die Rolle. Nicht nur vor den Dreharbeiten, sondern den ganzen Prozess durch. Mein Charakter wurde ebenso ein wenig durch die anderen Rollen geformt. Viele Handlungsstränge, die sich mit Bo’s Charakter vermischten, entstanden durch unsere Beziehung und Arbeit, die wir am Set entwickelt haben. Ich habe sie nie wirklich 100 -prozentig verstanden und das war ein Teil des Spasses für mich.

Im Bezug auf diesen Spass. Der Film hat einen schweren Unterton, doch viel Spass machte die Arbeit am Set? Carey Mulligan: Enorm viel Spass (lacht)

Emerald Fennell: (lacht) Es ist sicherlich ein Film, der in vielen Weisen herausfordernd ist. Wir hatten eine sehr kurze Drehzeit, nur 23 Tage. In diese Tage musste viel hineingesteckt werden. Oft fragten wir diese unglaublichen Schauspieler für nur einen Tag ans Set zu kommen. Das sind selbst die erfahrensten Schauspieler nervös. Carey als brillante Schauspieler half mir natürlich ebenfalls. Doch mir war vor allem wichtig, dass es Spass machte und sie sich sicher fühlten am Set. Sie sollten wissen, dass egal was sie machen, dass sie nicht abgewiesen wurden. Ich denke, wenn Schauspieler sich sicher fühlen und spielerisch sein können, dann liefern sie ihre beste Arbeit ab. Wir alle haben schon so oft an Sets gearbeitet, die auf Angst und Adrenalin basieren. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass dort die Arbeit gut gemacht werden kann. Gerade bei einem Film wie diesem. Es muss angenehm sein, weil man einander vertrauen können muss.

Die MeToo-Bewegung kam zu dieser Zeit gerade auf. Wie weit hatte diese Bewegung Einfluss oder… Carey Mulligan: Nicht wirklich. Selbstverständlich wussten wir davon. Wir sprechen auch oft darüber, so wie es sein soll. Diese Geschichte fühlte sich jedoch ganz spezifisch an, wie die einer einzelnen bestimmen Person. Wir alle am Set konnten uns mit der Geschichte identifizieren. Jedoch fühlte es sich für uns nicht so an, dass wir diesen Film als Teil von etwas machten. Es war nicht, als wäre diese exakte Geschichte schon unser Leben lang ein Teil von etwas gewesen. Mich fragte früher jemand, ob ich mich gegenüber den Frauen aus dieser Bewegung verpflichtet fühle. Doch das tue ich nicht. Für mich als Schauspielerin war es wichtig, diese Geschichte so ehrlich und gut zu erzählen wie nur möglich. Es fühlte sich, während dem Dreh, so klein an, gerade weil wir nur so wenig Zeit hatten. Es war wie eine kleine Blase. Ich war traurig als es fertig war. Es war eine unglaubliche Erfahrung. Wir fühlten uns einfach wie in unserer eigenen Welt.

Was denken Sie? Emerald Fennell: Ich denke nicht, dass es möglich ist eine Reflektion einer politischen Bewegung zu machen. Dieser Film handelt von ganz einem spezifischen Thema, einem besorgniserregenden Thema. Sicherlich sprachen wir alle seit Jahren untereinander darüber. Deshalb ist es wichtig sich zu erinnern, dass diese Dinge schon seit einer Ewigkeit geschehen und gefühlt unendlich sind. Dass es ein Teil davon ist, was es heisst eine Frau oder ein Mann zu sein. Oder wie wir miteinander umgehen. Es ist eine universelle Geschichte über wie Dinge schief gehen können, ohne dass man es bemerkt.

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