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Interview Jason Isaacs

Interview: Ana von Halle

Jason Isaacs: «Ich verstand kein Wort am Set»

Jason Isaacs, Ihr neuer Film startet mit einem grossen Knall, ähnlich wie das Jahr 2020. Wie ergingen es Ihnen bisher? Niemand, der ein Dach über dem Kopf, Essen und Wärme hat, darf sich beklagen. Also lautet meine Antwort, mir geht es gut. Abgesehen davon, könnte ich mich über tausende von Dingen beschweren, so wie viele andere auch. Ebenso wie vielen andere bin ich angespannt und habe viel Respekt. Ausserdem habe ich hier zu Hause Teenager, über welche ich mich ebenfalls sorge. Es gibt ganz viele Menschen auf der Welt, denen geht es viel schlimmer. Ich bin gesund und überversorgt, dass sind gute Dinge.

Im Film wird gesagt, die Natur erschafft und die Natur zerstört. Denken Sie, dass die Pandemie nichts anderes als eine Machtrückforderung der Natur ist? Eigentlich ist es keine Frage, dass es geschieht. Wir haben die Wälder und Tiere behandelt, wie wir es zuvor noch nie getan haben. Es gibt ganz viele neue Krankheiten, die dadurch entstanden sind, wie wir mit dem Planeten und uns umgehen. Ich möchte aber die Dinge nicht verbinden. Ich kann nicht behaupten, dass der Film eine grosse Ökologische Botschaft besitzt. Es ist ein grosses Action-Abenteuer über ein Desaster. Vor Jahren bin ich mit meiner Frau durch den Regenwald gereist und dabei an einem Aussenposten der Weltgesundheitsorganisation vorbeigekommen. Dort wurden Pflanzen mit den heimischen Leuten studiert, aufgrund ihrer Heilkräfte. Der Grund, dass sie diese dort studiert haben, war das Wissen, dass nichts mehr lange sein würde. Sie wussten nicht wie lange die Menschen noch dort leben würden und ihnen war klar, dass die Pflanzen nicht mehr lange in dieser Region existieren würden. Wir verlieren Dinge und lösen Dinge aus, die eigentlich so nicht geschehen sollten.

In der heutigen Home-Office-Zeit konnte ich meine Katze mit ins «Kino» nehmen. Diese konnte ihre Augen nicht vom Bildschirm lösen… (Schmunzelt) Oh, das ist gut. Das bedeutet, dass unser Film nicht nur bei den Menschen anklang findet, sondern auch bei Tieren (lacht).

schmunzelt) Mir kam der Gedanke, dass meine Katze möglicherweise als Tier noch mehr Respekt vor der Natur hat, als wir… Vielleicht oder die Katze ist inzwischen genauso gelangweilt im Haus zu bleiben, wie wir Menschen (lacht). Und jedes Mal, wenn irgendwo etwas in die Luft fliegt oder ein Jeep vor Lava flieht, ist sie gespannt, weil endlich mal etwas geschieht (schmunzelt).

Ihr Charakter wächst im Film mit und hat am Ende erneut einen gewissen Respekt vor der Natur. Ist dies etwas, dass Sie an der Rolle gereizt hat? Nein, ich würde sogar lügen, wenn ich es täte. Es ist schlichtweg kein Film mit aussageschweren Botschaften. Es steht ausser Frage, dass wir sie nötig hätten und dass wir unser Verhalten ändern müssen. Doch dieser Film hat leider keinen grossen Anteil daran, genauso wenig wie es bspw. JURASSIC PARK hat. Es hat mehr mit Flucht-Fantasien zu tun. Genau genommen nennen die Chinesen diese Art von Filmen, einen Rettungsfilm. Wir im Westen nennen es eher Katastrophenfilm. Ich wollte diese Rolle, weil sie gross, spannend und farbenfroh war. Zusätzlich drehten wir den Film in einer Zeit, als wir noch nicht wussten, dass eine Pandemie kommen wird.

Was ist Ihnen an Ihren Rollen wichtig, wenn Sie am Auswählen sind? Ich mag es kleine, detaillierte und menschliche Geschichten zu spielen. Die Schichten zu lösen und zu zeigen, was uns menschlich macht. Hin und wieder will ich in die Spielkiste und mit allen Spielzeugen spielen dürfen. Der Regisseur dieses Films, Simon West, ist ein Meister dieses Filmmetiers. Er ist für CON AIR, LARA CROFT oder auch THE EXPENDABLES 2 verantwortlich. Er findet diese Art von Filmen einfach und ist grossartig darin, sie umzusetzen. Ich wusste, dass ich in guten Händen bin. Das sind Filme, die ich als Kind geschaut habe und es wurden seit fast 30 Jahren keine gemacht.

Der Film zeigt, dass sich die Geschichte wiederholt und Menschen oft nicht aus ihren Fehlern lernen. Welche wichtige Lektion lernten Sie im vergangenen Jahr? Oh Gott, ich weiss nicht, ob ich das habe. Viele Journalisten versuchen aus dem Ganzen eine konstruktive oder spirituelle Botschaft zu ziehen. Ich würdige sicherlich die Natur viel mehr. Im ersten Lockdown konnte ich die Bäume hören und dass liebte ich. Das Leben kann sehr geschäftig werden. Gerade Schauspieler haben die Möglichkeit vieles zu machen, oft auch neben Schauspielerei. Das führt zu noch mehr Geschäftigkeit In der letzten Zeit konnten wir nicht mehr viel machen. Es nun gibt’s einen einfachen Rhythmus im Leben, wie Essen mit den Kindern und Hausarbeit erledigen.

Sie haben also kein neues Hobby oder eine neue Fertigkeit gelernt? Ich gehöre leider nicht zu diesen Menschen, bei denen etwas Konstruktives in dieser Zeit entstanden ist. Ich kann nach wie vor kein Banjo aus Holz herstellen und habe auch keine neue Sprache gelernt (schmunzelt). Ich bin nicht so kreativ, weil ich es schwer finde mich zu fokussieren. Wenn ich zurückschaue, dann sehe ich mich an einem Spülbecken Pfannen abwaschen. Was ich jedoch mitnehme, ist, dass wir keine Kontrolle haben. Es gibt so vieles, dass wir nicht kontrollieren können auf dieser Welt. Das Einzige, was wir kontrollieren können, ist unsere Einstellung zu den Dingen. Wir sollten die Momente im Jetzt geniessen und nicht über kleine Dinge streiten. Zudem den Komfort und die Liebe nehmen und geben, wo immer ich kann.

Im Film zeigt sich auch, wie Menschen enger zusammenkommen. Ist dies etwas, dass Sie hoffen, dass Ihr Film in dieser Zeit trotz allem mitgeben kann? Ich hoffe es sehr und ich könnte so argumentieren, dass der Film ein Teil davon ist, was die Welt gerade benötigt. Es ist, was es ist. Es ist ein grosser Flucht-Fantasie-Film. Was der Film tut, ist die Menschen zusammenbringen fürs Filmeschauen. Ich sehe es an meiner Familie, wenn wir nicht für einen Film zusammen vor dem Fernseher sitzen, dann sind alle in ihren Zimmern verstreut. Man streitet sich oft noch darüber, was geschaut werden soll. Dieser Film bringt der ganzen Familie für etwa zwei Stunden Action und Unterhaltung. Man kann nach Luft schnappen, Lachen und mitfiebern. Es ist ein trauriger und emotionaler Film, doch hie und da hat es lustige und vielleicht etwas übertriebene Stunts, die einem zum Lachen bringen. Der Film bringt also für knapp zwei Stunden Ablenkung und man kann, wie ich, Zahlen, Statistiken oder andere Dinge einfach vergessen. Er nimmt einem mit auf ein Abenteuer und darin liegt ein grosser Wert. Ich hoffe, der Film gibt den Menschen ein wenig Spass.

Viele Ihrer Rollen drehen sich um eine Vater-Kind-Beziehung, so auch in diesem Film. Ihr Charakter hat eine Uhr seines Vaters, haben Sie ebenfalls etwas, dass… Nein, ich habe keine solche Gegenstände. Mein Vater ist noch am Leben, Gott sie Dank. Er hatte zwar eine schwere Covid-Erkrankung, ist jedoch wieder gesund. Meine Mutter allerdings ist schon vor ein paar Jahren gestorben. Ich habe von ihr nichts geerbt, doch für mich braucht es auch nichts Physisches. Es gibt Sätze oder Momente im Leben, wo ich weiss, dass sie etwas dazu sagen würde. Es gibt zudem jährliche Rituale, wo sie entweder am Tisch fehlt oder im Herzen und Geist da ist. Es gibt auch Momente, wo ich Dinge sage oder tue, wo ich nicht sicher bin, ob es wirklich ich war oder ein Echo meiner Mutter. Deshalb habe ich keinen Gegenstand. Sie haben jedoch einen guten Punkt genannt, bezüglich Beziehungen im Allgemeinen.

Wie meinen Sie das genau? Im Westen werden viele Geschichten erzählt, wo stets die Romantik im Mittelpunkt ist. TITANIC beispielsweise dreht sich um ein Boot und viele Menschen, die sterben. Im Kern jedoch ist es eine Liebesgeschichte. DOKTOR SCHIWAGO ist eine Geschichte über die russische Revolution, doch im Kern ist es ein Liebesdreieck. SKYFIRE zeigt etwas über die chinesische Kultur, obwohl es einige Pärchen gibt, der Kern der Geschichte ist die Beziehung zwischen einem Vater und seiner Tochter. Die generationsübergreifenden Dinge sind nicht nur Schlüsselelemente, sondern auch Priorität in ihren Geschichten und in ihren Leben. Das ist bei vielen chinesischen Geschichten der Fall. Dieser Film ist ein chinesischer Film, gemacht von Chinesen. Simon West ist der englische Regisseur und ich bin der einzige englische Schauspieler, abgesehen davon wurde alles von Chinesen porträtiert und sogar geschrieben. Das war ein interessanter Blick in ihre Kultur und was für sie wichtig ist.

Was sind die grössten Unterschiede zwischen einem chinesischen Set und einem Set aus dem Westen, die Ihnen aufgefallen sind? Es ist schwer zu sagen, da ich nicht chinesisch spreche (lacht). Man kann gewissen kulturelle Dinge aufnehmen, wenn man versteht, was rundherum geschieht. Doch ich fühlte mich, als wäre ich auf einem anderen Planeten gelandet, weil ich die Sprache nicht verstand (lacht). Ich bin mir nicht sicher, ob ich deshalb die beste Wahl bin für einen Blick ins Innere. Was ich sagen kann, ist das ihre Arbeitsmoral unglaublich ist. Sie sind sich gewohnt sieben Tage die Woche zu arbeiten und keinen Tag frei zu haben, bis abgedreht ist. Das gibt es im Westen nicht. Im Westen kann mein beispielsweise nicht morgens um acht Uhr beginnen, wenn man am Vorabend bis acht Uhr gedreht hat. Das kennt die chinesische Industrie ebenfalls nicht. Ihre Arbeitserwartung war also ganz anders.

Gibt es noch anderes? Etwas anderes ist ihr Ausdruck. Das ist teils im Film erkennbar. Das lernte ich, weil ich einige Sätze Chinesisch sprechen musste. Beispielsweise wenn wir eine Frage stellen, ist unsere Stimme am Ende erhöht. Bei den Chinesen senkt sich die Stimme am Ende der Frage. Sie sind extrem bedacht auf Töne in der Sprache und haben ganz andere Arten der Tonwahl in der Sprache als wir. Ihr ganzer Ausdruck ist anders. Man erkennt anders als bei uns, wann und wie sie wütend, emotional oder verängstig sind. Ich habe bereits ein paar europäische Sprachen gelernt und dachte, dass es einfach Wortaustausch ist. Doch sie drücken die Wörter in einer komplett anderen Art aus. Sie werden dann auch etwas anders gefühlt.

Technologie kann Leben retten. Beispielsweise retten Streamingdienste in der Pandemie viele vor der Langeweile, weil man nicht wüsste, was sonst tun… Wo würden wir sein, wenn wir nicht etwas schauen würden. Vielleicht würden wir lesen, schreiben, malen oder sonst etwas. Es gäbe sicherlich vieles, dass man machen könnte und genauso erfüllend oder sogar erfüllender ist, als die passiven Dinge. Das Zusehen ist eine passive Aktivität. Deshalb bin ich nicht ganz sicher, ob die Streaming-Dienste wirklich den Verstand der Menschen gerettet haben. Sie haben uns sicherlich beruhigt.

Sehen Sie parallelen in Ihrem Charakter, der Technologie und der heutigen Zeit? Im Film spiele ich einen Unternehmer, der von der Wissenschaft geleitet wird. Er fand Wissenschaftler, die im sagten, was er hören wollte, damit er ein Resort innerhalb eines Vulkanes bauen konnte. Glücklicherweise für die Zuschauer explodiert der Vulkan, fast augenblicklich (lacht). Wäre der Vulkan nicht ausgebrochen, dann würde mein Charakter zu den Menschen gehören, die die Grenzen verschieben, weil sie geschoben werden können. Man Geld machen kann und man von Natur aus neugierig ist. Ich bin sicher, dass es im Moment Erkundungsgebiete auf der Welt gibt, die nicht förderlich sind für den Menschen, jedoch gibt es Konsequenzen durch Menschen wie den Charakter, den ich spiele.

Zuschauer lieben Katastrophenfilme und Horrorfilme. Was denken Sie, weshalb ist dies so? Zuschauer liebten immer den ängstigenden Nervenkitzel. Wenn man fast an den Anfang der Menschheit zurückgeht, wo es noch keine Geschichten zu erzählen gab, existierte so viel Gefahr auf der Erde, dass man diese nie in seiner Fantasie wollte. Seit wir Geschichten erzählen, wollen wir diese sicheren Gefahren, in welchen wir geschlagen oder getötet werden. Die griechischen Tragödien waren voll damit. Die Menschen lieben solche Filme aus dem gleichen Grund wie sie Achterbahnen oder Geisteraktionen lieben. Sogar Babys lieben kleine Schreckmomente mit einem «Buuh». Wir lieben es einfach auf eine emotionale Reise genommen zu werden ohne echtes Risiko für uns selbst. Ich habe gerade gestern Abend mit meinen Kindern einen Horrorfilm geschaut. Die eine liebt solche Filme und die andere fragt sich, weshalb wir das jemals uns antun würden. So gesehen ist die Menschheit vielleicht auch gespalten (schmunzelt). Meistens wird es jedoch geliebt, wenn man den meistverängstigten Nervenkitzel erhält.

Das ist eine gute Aussage, sicherer Nervenkitzel. Ich war schon oft im Krieg, zumindest auf der Leinwand. Ich war ebenfalls schon oft mit Menschen zusammen, die in einem echten Krieg waren. Sie bevorzugen mich mit meinen unechten Kugeln vor allem anderen.

Was ist der gefährlichste oder schlimmste Stunt, den Sie bisher in Ihrer Karriere hatten? Ich habe viel zu viele Stunts gemacht, die ich eigentlich gar nicht machen dürfte. Ich bettle immer, dass ich die Stunts machen darf. Meistens funktioniert alles prima, doch zwischendurch geht alles schief. Ich bin immer noch am Leben und in keinem Rollstuhl, das ist gut. Doch ich war schon öfters im Krankenhaus. Gewisse Verletzungen werde ich für den Rest meines Lebens mit mir tragen. Oft von ganz banalen Dingen, die ich einfach nicht hätte tun sollen. Ich habe vermutlich viel Gefährlicheres nebenher gemacht, als vor der Kamera.

Wie stehen Regisseure und Produzenten zu diesen Dingen? Die Produzenten lassen einem nicht wirklich gefährliche Dinge tun, die die Produktion gefährden könnte. Mein Wohlsein ist nicht das Wichtigste, wichtiger ist, dass es keinen Drehstopp gibt (lacht). Es ist dennoch ein Zwiespalt. Ein Regisseur würde viel lieber den Schauspieler die Dinge tun lassen, damit er nicht jedes Mal die Kamera von hinten filmen lassen oder schneiden muss. Ich will keinen Regisseur in die Pfanne hauen (lacht). Allerdings wurden mir sicherlich viele Stunts erlaubt, die ich nie hätte machen dürfen (lacht). Dies wird sich vermutlich ändern, je älter ich werde (schmunzelt).

Feuer vom Himmel erinnert daran, dass das Leben kurz ist und man alles sagen sollte, das einem wichtig ist. Deshalb an dieser Stelle ein Dankeschön an Sie für all Ihre Filme. (schmunzelt). Es ist lustig, wenn die Menschen mir danke sagen für meine Arbeit, vor allem für die Harry Potter-Filme, dann ist es merkwürdig. Den schauspielern ist etwas sehr egoistisches und selbstbezogenes. Ich liebe es zu schauspielern. Es ist fair zu sagen, dass es mir eigentlich egal ist, ob die Menschen meine Filme sehen oder nicht. Ich verstehe, dass oft viel Mühe und Geld darin steckt und ich bin froh, gibt es Menschen, die meine Arbeit sehen, sonst hätte ich keine Arbeit mehr. Doch das Drehen des Films ist das Vergnügen für mich. Ich mache es nicht für den Nutzen von jemand anderem, sondern weil ich es brauche, mag oder dadurch befriedigt bin. Es ist ein Bonus für mich, dass Sie und alle anderen Menschen meine Arbeit mögen. Ich benötige kein Dankeschön, ich habe es rein aus egoistischen Gründen getan. Dennoch vielen Dank fürs Dankeschön.

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